Am 27. und 28. Februar stand wieder ein fünfzehnter Geburtstag an. Der der Kinderchance (Schule) selbst. Die Festlichkeit wurde über Wochen von Verantwortlichen und Schülern geplant. Am Freitag den 27. war das offizielle Fest für Schüler und Eltern, sowie einige geladene Gäste. Im Innenhof der Schule wurde eine Bühne improvisiert, die wie in Guatemala zu großen Festen üblich mit Piniennadeln bedeckt wurde. Davor Stühle und andere Sitzgelegenheiten für etwa 300 Gäste (Schüler inbegriffen). Da Guatemalteken von Natur aus die Sonne meiden schützte sie ein großes Segeltuch. Die Feier begann mit dem feierlichen Einlauf der Flaggen (Guatemala, Deutschland, Kinderchance), gefolgt von beiden Nationalhymnen. Im Folgenden wurde im Wechsel eine Segmentierte Rede über die Schulgeschichte gehalten, untersetzt von Auftritten jeder einzelnen Altersstufe. Die von den Schülern über Wochen in Pausen, Probestunden und Nachmittagen einstudierten Acts reichten von mehreren Tanzauftritten über Pantomime bis hin zu Folkloristischen Aufführungen. Eines der Zahlreichen Highlights war die Inszenierung der neu komponierten Schulhymne. Diese wurde aus einem spanischen Stück von Marc Anthony (vivir mi vida) umgeschrieben. Die Schulgründer Donna Bruni und Don Hermann, sowie die Schulleiterin Senora Carina wurden ehrenhalber eingebaut. Auf die Bühne gebracht in Form von ca. 20 Tänzern, 20 Sängern und einem Ensemble aus 10 Musikern, die mit Ausnahme des Musiklehrers (Keyboard), Lisa (Gitarre) und ^Marianne (Akkordeon) ausnahmslos aus Reihen der Schüler bestanden. Koordiniert wurde die sehr aufwendige und viel geprobte Nummer von Musiklehrer Luis Miguel, Katrin und Lisa. Gefilmt wurde das gesamte Fest von dem einzigen, der weder musikalisch, noch tänzerisch, noch sonst irgendwie brauchbar begabt gewesen wäre um aufzutreten: Mir. Über die komplette Festdauer (Morgens von 8 Uhr bis Mittags um 13 Uhr) verkaufte die Bachlorato (Abschlussklasse) Speisen und Getränke an die Gäste. Diese wurden zum Teil selbst organisiert und zum Teil von Lehrern und deutschen Gästen gestiftet (die von uns gestellten und zubereiteten 8 Breche Pizza kamen besonders gut an). Dies war nötig, da es in Guatemala zum Abschluss gehört eine Thesis (vergleichbar mit einer wissenschaftlichen Arbeit) zu schreiben, die ein ökologisches Thema umreißt (z.B. Maisanbau und -ernte). Diese muss praktische Anteile haben und jüngeren Schülern einer externen Schule vermittelt werden. Dazu gehört, dass das kostspielige Projekt komplett selbst finanziert wird. Der Verkauf machte einen Anfang für die Klassenkasse.

Der Samstag stand dann im Zeichen der Stifter und Förderer des Projekts. Zum Abend hin wurden nahezu 100 Gäste geladen, die in der Historie der Schule eine Tragende Rolle gespielt hatten. Unter anderem (ehemalige) Lehrer, Personen aus dem Bildungsministerium, der Botschaft und Juristen. Der Abend verlief bankettartig mit traditionellem deutschen Essen (Gulasch, Spätzle, Salat), und klassischer Guatemaltekischer Marimba-Musik (zentrales Instrument sind zwei riesige Xylophone, die jeweils von bis zu vier Musikern gespielt werden). Es stellte sich heraus, dass eine ansässige Universität daran interessiert ist die neuen Räumlichkeiten (von der Spendengruppe mit gestiftet) am Wochenende für Kurse zu mieten, was der Schule finanziell enorm helfen würde.

Am Sonntag (nachdem die Überreste des Festes beseitigt waren) lud Bruni uns (Marianne, Sarah, Cora und mich) ein mit ihr zur Kirche von Maximon (gesprochen Maschi-mon) zu fahren. Wie es oft in Guatemala zu beobachten ist, handelt es sich auch bei Maximon um eine Art freie Glaubensgemeinschaft. Jedoch schafft die Kirche von Maximon es mehrere Glaubensrichtungen anzusprechen. So wird er sowohl von Christen (hier heißt er San Lucas), als auch von Maya-stämmigen Guatemalteken verehrt. Der historische Maximon war ein guatemalteke, der umgebracht wurde. Seit dem 19. Jahrhundert wird er als Volksheiliger verehrt, der Zulauf nicht nur aus Guatemala erhält, sondern auch aus Mexiko und weiteren Teilen Mittelamerikas. Ihm werden sowohl heilende, als auch verfluchende Kräfte zugesprochen (worin sich die Verwurzelung im Mayakult zeigt). Lacht man über die doch eher obskure Anbetung sollen einem Schlimme dinge widerfahren. Außerdem kann man ihn bitten, jemand anderen zu strafen. Eine der Spezialitäten von Maximon soll die Heilung geistiger Gebrechen sein. Um seine Hilfe zu erlangen, muss man ihm ein Präsent überbringen (oft Bargeld oder Kleidung), gefolgt von stundenlangen Gebeten, dem Anzünden unzähliger Kerzen und dem trinken von Schnapps. Die Darstellung Maximons erscheint einem eher ungewöhnlich. Es handelt sich um eine Puppe, die auf einem Thron erhöht auf dem Altar der Kirche sitzt. Ihr aussehen ist das eines Mittelamerikaners mit Schnäuzer, Hut und Anzug, samt Krawatte. Hin und wieder wird er auch als Arzt oder sonstwie gekleidet. Miniaturen des Heiligen finden sich an zahlreichen öffentlichen Orten, vornehmlich in Läden. Die Kirche ist bis unter die Decke gepflastert mit zum Teil hochwertigen Dankestafeln von Familien, denen Maximon geholfen haben soll. Das ganze Umfeld der Kirche (die an sich wirklich festlich erscheint) erinnert an eine Attraktion-zur-Schau-Stellung (inklusive Parkgebüren, und Läden mit Schnaps, Maximon-Miniaturen und Essen).

Katrin und Lisa begleiteten uns nicht, da sie am Morgen zu einer zweiwöchigen Rundreise über Semuc, Tikal und Belize aufgebrochen waren. Das Wasser-Weltwunder Semuc und die Mayastadt Tikal werden die verbliebenen Deutschen am Ende dieser ersten Märzwoche bereisen und ich freue mich dann auch darüber berichten zu können.

Bis dahin. Gruß Marvin